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Freitag, 29. Oktober 2010

Eva Illouz über erotic capital - Interview


Mit ihren mittlerweile zu Standardwerken der feministischen Ökonomiekritik avancierten Texten „Konsum der Romantik“ (2003) und „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ (2004) erteilte Eva Illouz der Vorstellung, frau könne vor dem kalten Kapitalismus in der romantischen Liebe Zuflucht finden, eine klare Absage. In Ihrem Vortrag „Committment phobia & the new architecture of choice“ sprach die Soziologin heute Vormittag in ihrer key-lecture über die Veränderung des Liebesmarktes in den letzten hundert Jahren. Nach dem Vortrag traf Elisabeth R. Hager sie zu einem kurzen Gespräch in englischer Sprache.

von Elisabeth R. Hager


Missy Magazine: This congress is entitled „The Flexible Sex. Gender, Happiness and Crisis in the Global Economy“. Isn‘t it an interesting fact that a sociologist who works on the emotional effects of the economic system is asked to give the key lecture for such a conference? How important are personal emotions for our debate about the development of gender in the global economy?

Illouz: Well, my thesis is, that emotions have played a considerable role, shaping for example, the workplace. Increasingly, management has become very much aware of it‘s emotional style and emotional effects. So that‘s where you can say that emotions are important to the modern economy. Also because psychologists and organization counselors have tried to engineer a rude way of managing by using and constantly manipulating the workers emotions. The other way in which emotion is absolutely fundamental to consumer culture is that emotion has become a part of the way in which we brand goods. We want to create emotional associations with goods. Thus the capitalist economy in it´s whole is very much defined by creating emotions and manipulating emotions in the economic field.


Missy Magazine: Your speech circled around the question of the architecture of choice in love relations in postmodern societies. During your speech I had to think of the lyrics of that old song: “love is a battlefield”. Is there a slight chance to just have a relationship without these tensions you described?

Illouz: What do you mean by these tensions? Most tensions are historically specific. For example this complaint that women have about men who will not commit to them emotionally is something did not exist in this form during the 18th and 19th century. The tensions just change their nature and shape, but I don‘t think they ever disappear.


Missy Magazine: During your speech I also had the impression you did not question the categories „men“ and „women“ at all. What does the category „gender“ mean for your scientific work?

Illouz: Yes. Gender is very important, but I didn‘t use it, because I analyze mostly peoples conceptions of themselves and others. But obviously, if I offer the idea that masculinity changed drastically from the 19th to the 20th century then it means that I believe in the category „gender“. For me gender is a resolved issue. It‘s nothing I have to argue about.


Missy Magazine: For many people in my age you were the first scientific voice to destroy the illusion that the cold, impersonal economical system surrounding us has a warm, friendly antagonist pole: romantic love. You destroyed that myth by showing how our emotions are instrumentalised in the capitalist system. Do you consider yourself a pioneer?

Illouz: A pioneer? Oh, no! I mean, let me see... Great writers? Just think of Marcel Proust. He destroyed it for us in a far more disturbing way! Or Flaubert: Madame Bovary, it‘s just horrible! What Flaubert did to Emma is much more cruel! But I‘m air to Flaubert, that‘s right. I‘m a daughter of Flaubert. (lacht)

Thank you.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Interview mit den Organisatorinnen Milena Mushak & Petra Grüne

1919 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Keine hundert Jahre später sitze ich im gläsernen Besprechungsraum der dbb Forum in der schicken Friedrichstraße Petra Grüne und Milena Mushak, den beiden Organisatorinnen des 3. Internationalen Genderkongresses, für ein kurzes Interview gegenüber.

von Elisabeth R. Hager

Missy Magazine: Gerade ging die Eröffnungsveranstaltung des 3. Internationalen Genderkongresses über die Bühne. Mit welchen Erwartungen blicken Sie den nächsten zwei Tagen entgegen?

Grüne: Wir haben den Kongress ja schon mit einer sehr kontroversen Debatte begonnen und hoffen, dass auch weiterhin sehr viel diskutiert wird.

Mushak: Ich bin vor allem deshalb gespannt, weil die Zusammensetzung der Teilnehmer_innen bei diesem Kongress äußerst unterschiedlich ist. Es gibt teilweise das einschlägige Publikum, aber nicht durchgehend.

Missy Magazine: Wie sieht das einschlägige Publikum denn aus?

Grüne: Das sind klassischer Weise 68er-Frauen. Diesmal sind aber auch viele Leute von NGOs da, viele Leute von Banken. Also von der Berliner Landesbank haben sich 17 Leute kollektiv angemeldet und Leute von Handwerkskammern, von Versicherungen, eben nicht das übliche, rein akademische Publikum, das normalerweise auf solche Kongresse geht. Ich finde das wirklich klasse, kann mir das aber gerade selbst nicht wirklich erklären.

Missy Magazine: Das Programm ist extrem breit gefächert. Die angeschnittenen Themen reichen von Selbstwert und Anerkennung im Kapitalismus über Migration, Reproduktion bis hin zu Sexarbeit. Stellen Sie sich den Kongress als Bestandsaufnahme der aktuell geführten Gender-Debatten vor oder gibt es eine konkrete Leitfrage?

Mushak: Also ich hatte keine. Ich weiß nicht, ob du eine hattest?
Grüne: Das hat natürlich alles eine Vorgeschichte. Ursprünglich hatten wir 1999 den ersten, großen Genderkongress gemacht, der damals das Schlagwort Geschlechterdemokratie hatte. Das ist 1999 zum Grundgesetzjubiläum umgesetzt worden. Dann hatten wir 2002 einen, da ging‘s um Gender Mainstreaming und nun, zum Grundgesetzjubiläum wollten wir wieder einen machen. Diesmal wollten wir einen Genderkongress machen, der nicht nur die alten Recken aktiviert, sondern auch jüngere Frauen und Leute aus anderen Bereichen. Wie wollten also einen neuen Ansatz haben und haben viel diskutiert. Na und dann dachten wir uns: In der Postmoderne - anything goes. Man kann sein Geschlecht im Grunde frei wählen, man kann zwischen Geschlechtern switchen, auch wenn es schwierig ist, ist es doch prinzipiell möglich. Aber trotzdem sind die Leute nicht glücklich, und woher kommt das? Da war dann die Suche nach einem bestimmenden Faktor und dieser Faktor ist im Grunde genommen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und, dass es auch ein wirtschaftliches Interesse dabei gibt. Und das war dann die rote Linie.

Missy Magazine: Wenn man sich hier auf dem Kongress umschaut, sieht man eine überdurchschnittlich hohe Zahl biologischer Frauen. An welche Menschen adressieren Sie diesen Kongress?

Mushak: Ja, das stimmt. Das fällt mir auch auf.
Grüne: Ich finde es ein bisschen traurig, aber das ist auch ein normaler Satz auf solchen Kongressen. Früher haben wir bei der Planung des Kongresses darauf geachtet. Das haben wir diesmal nicht gemacht. Am Schnitt von 10% Männern hat das aber nichts geändert. Das Thema aber wird momentan an allen möglichen Stellen diskutiert, wo es früher nicht besprochen wurde. Ich denke da z. B. an die Wochenendbeilage der SZ vor ein paar Wochen oder den Artikel im Focus.

Missy Magazine: Für welche Panels haben sich denn die meisten Leute angemeldet?

Grüne: Das ist das Forum 1, Gender, Macht und Gläserne Decken: Ernüchterung in der "Frauenpolitik"?. Die Veranstaltung findet im großen Saal statt. Aber das unterscheidet sich nicht besonders in der Zahl. Die Veranstaltungen sind alle voll.