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Freitag, 29. Oktober 2010

Forum 5: Brain Drain? Jungs und Mädchen im Bildungswettlauf




Hoch her ging es zeitweise auf dem Forum 5 „Brain Drain? Jungs und Mädchen im Bildungswettlauf“, es wurde ziemlich viel gelacht – und auch gestritten. Das lag zu großen Teilen daran, dass hier Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen aufeinander trafen: Während Manfred Spitzer von der Universität Ulm mit einem Schnell-Überblick über den Diskussionsstand der Hirnforschung startete und seine Ausführungen u.a. mit Beispielen aus der Primatenforschung spickte, versorgten die Soziologinnen Heike Kahlert und Sigrid Metz-Göckel das Publikum mit Einschätzungen über konkrete Probleme im Bildungssystem. Sie wiesen darauf hin, dass Schule und Unis nach wie vor von einem hierarchischen Geschlechtermodell geprägt seinen. Und dass spätestens beim Übergang zum Beruf die alten Hierarchien greifen. Da sei es mit dem weiblichen Vorsprung sowieso zumeist vorbei. Der Erziehungswissenschaftler Paul Mecheril fragte, ob der „Wettlauf“ in der Forum-Überschrift nicht eine problematische Logik reproduziert. Er betonte die Bedeutung kulturtheoretischer und hermeneutischer Reflektion in Bezug auf das Thema Gender und Bildung. Er reagierte damit auf einige Formulierungen Spitzers und auf die Anmoderation des Forums durch Jürgen Kaube von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der hatte gesagt, der Bildungswettlauf der Mädchen und Jungen sei keine philosophische Debatte.


Die Diskussion hatte also unterschiedliche „Baustellen“, wie Heike Kahlert es ausdrückte. Es gab auch Gerangel um die Deutungshoheit zwischen Natur-, Gesellschafts- und GeisteswissenschaftlerInnen: Wie interpretiert man die Wechselwirkungen zwischen Natur und Kultur (die auch Spitzer einräumt), wie spricht man sinnvoll über die Unterschiede zwischen Menschen, z.B. über den Unterschied Mädchen - Junge?

Stimmt es überhaupt, dass die Mädchen an den Schulen gerade dabei sind, die Jungs abzuhängen? Oder sind sie nicht viel eher gerade dabei, so etwas wie einen Gleichstand herzustellen, was schon reicht, um für Aufregung, ja womöglich Panik zu sorgen. Denn es kann keine Rede davon sein, so Sigrid Metz-Göckel, dass die Mädchen uneinholbar davonziehen, oder dass gerade was komplett Überraschendes passiere. Zur medialen Aufregung über Jungs als Schulverlierer kommentierte sie : „Viel Lärm um nichts.“


Schnell wurde klar, und da waren sich eigentlich alle einig, dass es nicht ausreicht, eine Differenz allein zu betrachten. Nicht nur Geschlecht beeinflusse den Bildungserfolg, sondern auch Fragen der sozialen Schicht oder Ethnie. Beides laufe oft unbewusst, so würden zum Beispiel Philipp und Faruk unterschiedlich beurteilt oder eben auch Paula oder Max. Kompliziert wird es, sobald sich verschiedene Kategorien überkreuzen.

Aus dem Publikum kamen spannende Fragen. Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen berichteten aus ihrem Alltag und es klang oft ziemlich wütend. So würde zu oft auf Quantität statt Qualität gesetzt. Mehr männliche Lehrer, so eine genervte Lehrerin, würden weder verunsicherten Jungs noch ehrgeizigen Mädchen was nützen, Geschlecht allein habe noch kein Problem gelöst. Viel wichtiger sei es, meinte sie, wie diese LehrerInnen den Unterricht gestalten und welche Inhalte sie vermitteln. Dafür gab es lauten Applaus.

Leider scheint an vielen Schulen eine Gender-Debatte noch nicht angekommen zu sein. Wenn aber LehrerInnen oder womöglich die SchülerInnen selbst glauben, dass Mädchen kein Mathe können und Jungs immer den Unterricht stören, dann werden sie diese Stereotype unbewusst reproduzieren. Und stereotype Bilder werden spätestens dann zum Problem, wenn bei Studienfächern Männerquoten eingeführt werden, weil die „Feminisierung“ eines Faches (bzw. zu viele Studentinnen in demselben) in unserer Gesellschaft nach wie vor mit Abwertung assoziiert wird.


Eine bessere LehrerInnenausbildung, eine bessere Ausstattung der Schulen und vor allem mehr Aufmerksamkeit für Differenzen, ist, was wir brauchen. Da war sich das Podium – bei allen Unterschieden der Sichtweisen ziemlich einig. Den unterschiedlichen Schulerfolgen von Jungen und Mädchen sollte man nicht mit unreflektiertem Fördern begegnen, sondern mit einer großen Aufmerksamkeit für die jeweiligen, von diversen sozialen Faktoren geprägten Situationen der Kinder.

Eröffnungsrede von Thomas Krüger zum Kongress (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung), 28.10.2010


Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren und ein herzliches Willkommen an alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen.

Ich begrüße Sie im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung zum diesjährigen Kongress „Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie." Unter diesem Motto diskutieren Expertinnen und Experten, Aktivistinnen und Aktivisten in den kommenden drei Tagen historische und fortbestehende Ungleichheiten im Spannungsfeld von Identitäten und Differenzen. Seit 1999 übrigens fördert die Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen von Kongressen und Publikationen die intensive Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen und Gesellschaften. Dabei geht es zunächst um konkrete politische Forderungen nach gerechten Geschlechterverhältnissen, nach Geschlechtervielfalt und Gender Mainstreaming. Darüber hinaus steht immer auch der größere Rahmen und die Frage nach einer gerechteren Gesellschaft im Fokus, in der allen Menschen Anerkennung, Bildung und Teilhabe zuteil wird, und sie ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Auf den ersten Blick scheinen heute viele hart erkämpfte Ziele in Sachen Geschlechtergerechtigkeit erreicht zu sein: Es regiert erstmals in der Geschichte eine Bundeskanzlerin, klassische Geschlechterkategorien erodieren mehr und mehr, immer mehr Frauen studieren und nehmen wichtige öffentliche Funktionen wahr, und neue selbstbewusste Väter verändern klassische Rollenmuster. Auf der anderen Seite blendet die offizielle Politik, wenn sie von Gleichberechtigung spricht, neue wichtige Herausforderungen unserer sich pluralisierenden und immer vielfältiger werdenden Gesellschaft allzu oft aus.
Das im Singular bezeichnete flexible Geschlecht im Titel des Kongresses bezieht sich weniger auf ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Geschlechterposition als vielmehr auf die Kategorie Geschlecht oder Gender als Strukturelement gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Kategorie Geschlecht und die daran geknüpften Ungleichheiten sind immer schon durchkreuzt von weiteren Kategorien wie Sexualität, sozialem Status, kultureller Herkunft oder Religion. Diese Einteilungen sind historisch gewachsen, geopolitisch und kulturell geprägt, und somit variabel und veränderbar. Gleichzeitig sind diese Kategorien strukturell fest in unseren Wissensarchiven verankert und das Verhältnis zwischen verschiedenen Geschlechterrollen bleibt ein historisch und strukturell asymmetrisches.
Erlauben Sie mir deshalb einen kurzen Blick auf einige Schlaglichter der Geschlechter- geschichte in westlichen Gesellschaften. 

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Einladung zum Genderkongress

Wir möchten Sie herzlich einladen zum internationalen Kongress „Das flexible Geschlecht - Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Der Kongress findet vom 28. bis 30. Oktober im dbb-Forum in Berlin statt. Es geht um neue und alte Ungleichheiten an den Schnittstellen von Geschlecht, Sexualität, Status, Identität und Differenz und Fragen wie die nach der Rolle von Geschlecht/Gender bei gesellschaftlichen Umbrüchen im Zeichen einer globalen Ökonomie?
Termin/Ort: 28. bis 30. Oktober 2010 im dbb-Forum Berlin, Friedrichstraße 169/170 (Mitte)
Presseanmeldung: presse@bpb.de - es sind nur noch wenige Plätze frei, daher bitte unbedingt akkreditieren.
Renommierte Expertinnen und Experten diskutieren mit rund 500 Teilnehmenden die aktuellen Entwicklungen in der Genderdebatte:
Susan Pinker: Key Lecture der kanadischen Psychologin und Autorin zur Kongresseröffnung am 28. Oktober um 17:00 Uhr
Eva Illouz: Einstiegsvortrag am 29. Oktober, anschließend Einstieg in elf Themenforen zu den Themen „Selbstverwirklichung im Minijob?", Krisenmanagement in einer männlich geprägten Gesellschaft, Gender in der Migrationsgesellschaft, die Auswirkungen der neuen „Generation Porno" sowie weiteren Schwerpunkten.
Manfed Spitzer reflektiert die Debatte über den Bildungswettlauf der Geschlechter
Angela McRobbie hält den Einführungsvortrag im Forum „Medienheldinnen und Vorzeigefrauen"
Birgit Sauer berichtet über den aktuellen Stand der „Frauenrepublik"
Miriam Meckel: Kongressabschluss am 30. Oktober über die Frage, ob Chancengleichheit und Gleichberechtigung ihr Ziel erreicht haben und welche Parameter bestimmen, ob wir ein glückliches Leben führen
All genders welcome! Die Konferenzsprache ist Deutsch, die Teilnahme ist kostenlos. Mehr Infos und das Programm finden Sie unter www.bpb.de/genderkongress.
Der Kongress ist eine Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin.