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Dienstag, 9. November 2010

Videorückblick


Von der Registrierung am Donnerstag bis das die letzte Teilnehmer_in am Samstag das dbb Forum verließ, hat Julia Reinecke, mit Unterstützung von Isabelle Küster, den Kongress mit ihrer Kamera begleitet. Hier ist ihr Zusammenschnitt von Eindrücken und Meinungen.

Dienstag, 2. November 2010

Reflexionen einer Grande Dame – Interview mit Claudia von Braunmühl

Die als unbequeme Expertin in Sachen Entwicklungspolitik bekannte Professorin Claudia von Braunmühl, hatte die Aufgabe den Kongress rückblickend zu reflektieren. Das Missy Magazine sprach mit der bekennenden Feministin nach der Konferenz.
von Margarita Tsomou
Missy Magazine: Als eine Frau mit einem über vier Jahrzehnte währenden gesellschaftspolitischen Engagement blicken Sie auf einen reichen Erfahrungsschatz mit Konferenzen über Genderfragen zurück. Was sind für Sie die Besonderheiten der Konferenz „Das flexible Geschlecht“?
Claudia von Braunmühl: Die Breite der Themen sowie die Vielfalt Teilnehmer_innen, die in diesen Themen hochkompetent sind - entweder weil sie sich wissenschaftlich damit befassen oder weil das ihren Herzschlag ausmacht. Des weiteren fiel mir auf, dass der Diskussionsstil unter Frauen duldsamer geworden ist. Ich meine damit nicht nur freundliche Duldsamkeit. Der Ton stand in fast krassem Gegensatz zu der Schärfe der Adressierung von Anliegen. Das ist ein Schritt in die berühmte Streitkultur, die die Klarheit der Kritik mit Freundlichkeit und Respekt verbindet. 
Claudia von Braunmühl 

Missy Magazine: In ihrer rückblickenden Zusammenfassung des Kongresses haben Sie von Widersprüchen gesprochen. Auf der Konferenz haben die Kontroversen nicht gefehlt. Zum Beispiel das Thema „Frauen an die Spitze“ wurde unterschiedlich diskutiert.
Claudia von Braunmühl: Hinsichtlich der durchaus berechtigten Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen gab es Stimmen, die sagten: ihr wollt Frauen an die Spitze der Gesellschaft, aber habt nur Vermutungen darüber, was das bewirkt – möglicherweise bewirkt das nur eure eigene Karriere und weg seid ihr aus dem sozialpolitischen Auseinandersetzungsfeld. Ich persönlich sorge mich auch ein bisschen über die Entkoppelung des Gleichberechtigungsimpulses von umfassenderen und thematisch noch mal anders gelagerten gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen – dieses Phänomen ist in Deutschland besonders stark. Da müsste man verstärkt nach den ökonomischen und politischen Parametern von Frauen in Führungspositionen sprechen. Auf der Hand liegt es etwa bei der Frage, ob Frauen unbedingt in die Rüstungsindustrie müssen. Ist in irgendeiner Weise zu erwarten, dass sich mit Frauen in den Chefetagen etwas am Zweck dieser Branche ändert? In dem Fall wünschte ich mir, dass Frauen etwas in Richtung Konversion bewirken - also im Sinne der guten alten Forderung „Von Schwerter zu Pflugscharen“ (Redewendung der Friedensbewegung) – sowas könnte ich mir vorstellen. Wenn Frauen allerdings darin nur zur Humanisierung eines Managementdiskurses beitragen, mit dem die Rüstungsindustrie intakt gehalten wird, dann frage ich mich, ob das richtig ist.
Missy Magazine: Zentrale Begriffe der Konferenz sind „Glück“ und „Krise“. Wie sind diese Begriffe Ihrer Meinung nach gefüllt worden?
Claudia von Braunmühl: Ein bisschen zu glatt. Auf der einen Seite gab es diese brillante Einbettung von Glück in eine kapitalismuskritische Folie von Eva Illouz. Auf der anderen Seite wurde das Thema Familie weitgehend unter Bereinigung der Widersprüche diskutiert, die Emanzipationsaufbrüche notwendigerweise mit sich bringen. Also zum Beispiel das Risiko, das eine Frau eingeht, wenn sie sich bestimmten Äußerungsformen von Kavaliersverhalten entzieht oder wenn sie etwas fordert. Zum Beispiel wenn frau ein romantisches Beziehungswochenende „gefährdet“, weil sie am Freitagabend anmerkt, dass der Partner auch mal abwaschen könnte. Das Beispiel mag heute nicht mehr so relevant erscheinen, es sagt aber etwas über das Risikopotential aus, das jede Emanzipationsforderung im privaten wie im gesellschaftlichen Raum enthält. Ich will damit sagen, dass wir doch nicht Strahlefrauen sind und in den neuen Weg blicken, wie der vermeintlich neue Mensch auf den Bildern des Sozialistischen Realismus. Wir haben Widersprüche in uns. Über diese Widersprüche im Aufbruch hätte man mehr sprechen können.
Missy Magazine: Auch die Widersprüche im Glücksempfinden?
Claudia von Braunmühl: Mir ist immer deutlich gewesen wie machtvoll Deutungshohheiten hinsichtlich des Glücksempfindens sind. Ich finde es hochgradig verwirrend, wenn eine ganze Gesellschaft uns sagt „Das ist aber jetzt Glück“ und „so wirst du glücklich“. Die Tiefe und Komplexität dieser intimen Empfindung finde ich nicht so eindeutig. Die Frage ist, wie man in diesem Zusammenhang Glück als gesellschaftliche Kategorie fassen kann.
Missy Magazine: Und was ist mit dem Begriff „Krise“?
Claudia von Braunmühl: In den Diskussionen über Frauen in Führungspositionen wurde angemerkt, dass Frauen insbesondere in Krisenzeiten an die Spitze gehoben werden. Da spielen essentialistische Annahmen eine Rolle. Es wird zum Beispiel angenommen, dass es anders gelaufen wäre, wenn die „Lehman Brothers“ „Lehman Sisters“ gewesen wären. In diesem Zusammenhang fand ich die Anmahnung wichtig, dass die Forderung von Frauen an die Macht keinen Wertewandel markiert, sondern eher ein – vielleicht sogar vorübergehendes – Phänomen der allgemeinen Ratlosigkeit in Krisenzeiten. 
M.Tsomou im Interview mit Professorin von Braunmühl

Missy Magazine: Sie beschäftgen sich schon seit Ende der 60er Jahre mit der Frauenfrage. Was hat sich Ihrer Einschätzung nach im Genderdiskurs bewegt?
Claudia von Braunmühl: Es gibt bestimmte Bilder von Frau über die heute mittlerweile gelacht wird. Sogar die Werbung karikiert sie. Das macht es leichter neue Themen auf die Tagesordnung zu setzen. Viele der Debatten, die hier über Sexualität geführt wurden – was ich Fragen der Körperpolitiken nenne – wären vor Jahren gar nicht möglich gewesen. Auch Ansprüche im Rahmen der Gleichstellungspolitik können heute artikuliert werden, die früher nicht so möglich gewesen wären. Und an manchen Punkten sind auch bestimmte Dinge auf Seiten der Männer nicht mehr so sagbar.
Missy Magazine: Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Claudia von Braunmühl: Das Phänomen, das Frau Meckel in ihrem Vortrag angesprochen hat, dass nämlich in Ansprachen oft ihr Titel ausgelassen wird, ist mir sehr gut vertraut. Nun habe ich einen komplizierten Namen – die korrekte Ansprache wäre Frau Professor Claudia von Braunmühl. In protokollarischen Situationen, also zum Beispiel im Auswärtigen Amt, wo die Form der Vorstellung Status und Rederecht vergibt, ist die Art der Ansprache sehr wichtig. In solchen Situationen wird zum Beispiel Dr. Müller und Professor Meier vorgestellt und ich als Frau Äääh?-Braunmühl. Kann ich das zulassen, darf ich das zulassen? Wird mein Rederecht beschränkt? Was ist mit meiner Kränkung, die Kränkung der Sache, die ich vertrete? Versaue ich die Atmosphäre, wie beim Beispiel mit dem Freitagabend, das ich erwähnte, wenn ich mich beschwere? Jedes Mal hab ich ein Programm am laufen, was Männer überhaupt nicht haben. Denn ich bin diejenige, die die Assymetrie der Diskriminierung wahrnimmt. Die Spielregeln laufen zu meinen Ungunsten und das nimmt ein Teil meiner Energie weg.
Jetzt sage ich aber auch noch was Positives. Als ich noch relativ jung war, kam ich in eine Position, wo es fürchterlichen Terror gab, dass ich als Frau dahin befördert wurde. Nämlich die der Landesdirektorin des Deutschen Entwicklungsdienstes in Jamaika. Aus meinem Büro hörte ich meine Sekretärin am Telefon erläutern „The new director is a she“. Aber mit diesem kleinen „it ´s a she“ war das Thema in Jamaika erledigt. Und wir hier in Westeuropa behaupten immer, wir wären so aufgeklärt und alle andere Länder wären hinten dran. Das hat Gründe, die ich hier nicht weiter ansprechen werde. Aber es ist mir wichtig zu erwähnen, dass ich mein Lebtag nicht so viel Kraft, Energie und Lebenslust in meinem Beruf hatte, wie zu dieser Zeit in Jamaika. Weil ich nicht immer dieses doppelte Programm am Laufen hatte, von dem ich vorhin sprach. Was das an Kräften freigibt! Wenn die Herren hierzulande das auch mal hinkriegen würden...

Missy Magazine: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Montag, 1. November 2010

Der Rückblick

von Claire Horst

Ein Rundumschlag über die zentralen Debatten aktueller geschlechterpolitischer Gesellschaftskritik, und das in zweieinhalb Tagen – ist das überhaupt möglich? Dieses Wochenende hat gezeigt, dass es geht, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten. "Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie", der Untertitel deutet auf die Vielfalt der behandelten Themen hin. Um die Verschränkung von Genderfragen und Ökonomie in einer sich verändernden Welt sollte es gehen, und ein Blick in das Programm verdeutlichte die Multidimensionalität des gigantischen Themenkomplexes.


Der Kongress hatte die besten Voraussetzungen: Veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung, auf den Podien Expert_innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, NGOs, und, der wichtigste Aspekt, Teilnehmer_innen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Wie oft gibt es das, eine Veranstaltung, auf der Beamt_innen und Student_innen, Künstler_innen und Aktivist_innen über Genderfragen ins Gespräch kommen?

Genau in dieser Vielfalt lag auch die Schwierigkeit. Verständigung wird erschwert, wenn Begriffe gegensätzlich interpretiert werden. Essentialistische Vorstellungen von Männern und Frauen standen neben einer gänzlichen Ablehnung der binären Trennung zwischen den Geschlechtern; die Forderung nach mehr Frauen in Chefetagen neben der nach dem Schulterschluss mit Gewerkschaften gegen Prekarisierung – all diese Positionen traten aufeinander. Dementsprechend durchzogen manchmal mehr, manchmal weniger produktive Kontroversen den Kongress. Während einige immer wieder die Konzentration auf Frauenrechte forderten, verlangten andere eine stärkere Auseinandersetzung mit intersektionellen Fragestellungen.


Angesichts dieses viel versprechenden Spannungsfelds der unterschiedlichen Diskurse verwunderte es, dass die zentralen Key Lectures vornehmlich den Blick auf klassische Fragestellungen der Frauenbewegungen richteten. Susan Pinker gab am ersten Tag die Perspektive vor. Um die biologisch begründeten Unterschiede zwischen Mann und Frau ging es da, mit denen sie gegen Gleichstellungsbestrebungen argumentierte. Eine Welt jenseits des Dualismus von Frau und Mann? Fehlanzeige. Gesellschaftliche Normierungen als Faktor für Unterschiede blendete Pinker aus.


Ähnlich wie diese erste Key Lecture löste auch das Abschlussstatement von Miriam Meckel kontroverse Diskussionen aus. In ihrem Kampf für mehr Frauen in Führungspositionen konnten einige Teilnehmer_innen kein befreiendes Potential mehr sehen – relevant sei diese Diskussion nur für einen verschwindend kleinen Teil der (weißen, deutschen, gebildeten) Frauen.


So hatte die klischeehafte Zeichnung von Genderrollen in den zentralen Reden überlagernde Effekte. Die große thematische Offenheit der Foren, die oft sehr fundierten Thesen und erhellenden Gespräche wurden darin nicht widergespiegelt. All die Diskussionen über Marginalisierung von Nichtweißen, über die Instrumentalisierung von Frauenrechten zur Stigmatisierung Nichtdeutscher und über ein Leben jenseits der Zweigeschlechtlichkeit - nur bunte Farbtupfer am Rande der wieder in den Mittelpunkt gerückten "Geschlechterkämpfe"?


Claudia von Braunmühl machte in ihrer Zusammenfassung des Kongresses deutlich, dass Diskriminierung mehrere, komplex verschränkte Ebenen umfasst. Sie drückte ihre Überzeugung aus, dass Geschlechterpolitik immer in eine umfassende Gesellschaftskritik eingebunden werden muss. In ihrer Rede war die Vielseitigkeit der Diskussionen und Foren noch einmal zu spüren.

Mit dem Ende des Kongresses stellt sich die Gretchenfrage: Wozu das Ganze? Zu begrüßen ist, wenn an so prominenter Stelle den unterschiedlichen Blickwinkeln gegen Unterdrückungsmechanismen Raum geboten wird. Bei der Kritik darf es aber nicht bleiben. Missstände aussprechen zu können, ist nur ein Etappenziel. Prekäre Arbeitsbedingungen, rassistische Strukturen, sexistische Gesetzgebungen müssen auch verändert werden.


Samstag, 30. Oktober 2010

Key Lecture mit Miriam Meckel


Miriam Meckel von der Universität St. Gallen hält die Key Lecture am Samstag, den 30.10.2010. Das Video zeigt kurze Ausschnitte aus ihrer Rede und aus der anschließenden Diskussion.

Miriam Meckels Keynote "Symbolische Selbstverleugnung"


von Svenja Schröder

Miriam Meckels Keynote "Symbolische Selbstverleugnung" am Abschlusstag der Konferenz wurde von vielen mit Spannung erwartet. Ihrem Vortrag zufolge gibt es drei zentrale Aspekte, die eine große Rolle bei der fehlenden Gleichberechtigung der Geschlechter spielen: Erstens gibt es zu wenig Frauen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Führungspositionen innehaben. Zweitens fehlt es an weiblichen Role Models, die den Weg für jüngere Frauen weisen. Daran schließt sich Meckels dritte These an, dass es schwer ist, Frauen für aktive gesellschaftliche Teilhabe zu gewinnen, da viele unter einem geringen Selbstbewusstsein leiden.

Denn viele Frauen stünden sich auf dem Weg an die Spitze selbst im Weg. Sie forderten nicht das ein, was ihren männlichen Kollegen ganz selbstverständlich zustünde, beispielsweise gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dies löse in den Frauen Stress aus, was bisweilen sogar bis zum emotionalen Zusammenbruch führen könne. In diesem Punkt spricht Frau Meckel aus Erfahrung, denn sie selbst hatte 2008 einen Burnout. Ihre Erfahrungen mit dem Burnout-Syndrom veröffentlichte sie dieses Jahr in dem Buch "Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout". Dass sie im Laufe ihrer steilen Karriere oft die einzige Frau unter Männern gewesen sei, habe rückblickend betrachtet bei ihrem Zusammenbruch eine Rolle gespielt. Die einzige Frau zu sein sei zwar ein Alleinstellungsmerkmal, aber auch ein Zeichen der immer noch fortwährenden massiven Missständen.

Frauen müssen mutiger werden, so Meckel, sie müssen "nein" sagen und Forderungen stellen. Da dies gemeinsam besser ginge als alleine, müssen Frauen außerdem Netzwerke aufbauen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Meckel forderte einen zeitgemäßen Genderdiskurs, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen und mehr Frauen als Role Models zu gewinnen. Als Instrument zur Durchsetzung dieser Forderungen verwies sie auf gesetzliche Grundlagen, allen voran die Frauenquote. In Norwegen funktioniere dies sehr gut, dort seien heute bereits 40 Prozent der Führungsräte mit Frauen besetzt.

Nach dem Vortrag sprach die Journalistin Ferdos Forudastan, die die anschließende Diskussion moderierte, Frau Meckels Forderung nach einer Frauenquote an. Frau Meckel meinte, dass sie früher vehement gegen die Quote argument hätte. Heute würde sie aber sagen, dass es nicht anders ginge, um die gravierenden Missstände zu beseitigen. Deutschland sei ein Land der ängstlichen BewahrerInnen. Nicht umsonst gäbe es für das Wort "Rabenmutter” (verwendet für Mütter, die gleichzeitig arbeiten gehen) in keiner anderen Sprache eine Entsprechung. Auf die Frage von Forudastan, wie man den Diskurs umdrehen könne, antwortete Meckel, dass die bestehenden Strukuren aufgebrochen werden müssen.

In der sich anschließenden Diskussion wurde Frau Meckels Position für mehr Frauen in Führungspositionen mehrfach kritisiert. Frauen in Führungspositionen würden sich nicht zwangsläufig für mehr fortschrittliche Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, so eine Teilnehmerin. Dies würde an der Frauenquote der CSU oder der der Republikaner in den USA deutlich. Auch sollte der Fokus darauf gelegt werden, dass es bei der Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit nicht nur um die Führungspositionen gehen dürfe. Nur für mehr Frauen in Führungspositionen zu plädieren wäre eine zu kurze Sichtweise, da so der Fokus nur auf schon gut verdienende, bereits angestellte Frauen gerichtet würde. Frau Meckel entgegnete darauf, dass dies nur die Perspekte sei, die sie herausgegriffen habe, und dass die anderen Sichtweisen natürlich nicht vernachlässigt werden dürften.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass es vielleicht ein guter Ansatz ist, vermehrt Frauen in Führungspositionen zu bringen, um so nachhaltig Unternehmenskultur zu ändern und mehr weiblichen Role Models den Weg zu ebnen, trotzdem darf nicht vernachlässigt werden, dass dies nicht der einzige Kampf ist, der geführt werden muss. Besonders auf den Schnittstellen von Sexismus, Klassismus und Rassismus (und natürlich anderen Ismen) wird sich so für die Mehrzahl aller Frauen nichts ändern.

Das Missy-Team bei der Arbeit

Svenja Schröder, Social Media Nerd_in

Claire Horst, prekäre Agent_in

Vera Hofmann, Scheinwerfer_in

Sonja Erkens, Bodenpersonal_in

Margarita Tsomou, Redaktionspräsident_in

Juli Reineke, Videofüchs_in

Was sagen die TeilnehmerInnen? Kommentare zum Kongress


von Svenja Schröder

Was sagen die TeilnehmerInnen zum Kongress? Was gefiel und was ist hängen geblieben? Ein paar Eindrücke:

"Programm und Themenstellung und die Besetzung mit den Referenten war sehr gut und interessant. Ein interessanter Blick von verschiedenen Fachrichtungen aus. Ich bin sehr überrascht über die Qualität der Beiträge. Die Diskussion in Forum 10 'Verhandlungssache Familie' fand ich besonders gut, dabei ist viel für mich persönlich herausgekommen. Erwartungen am Arbeitsplatz vs. Rollenverteilung in der Familie ist ein spannendes Spannungsfeld." (anonym)

"Die Workshops heben sich ganz deutlich ab von der Key Lecture ab. Was ich für mich als Gleichstellungsbeauftragte sehr schwierig finde, ist, das hohe Niveau des fachlichen Inputs in meine Arbeit zu übertragen. Mir fehlen die Transferwege von den soziologischen Theorien in meinen Arbeitsalltag. Ich war in zwei ganz tollen Foren, einmal Forum 10 'Verhandlungssache Familie', auch wenn Angela McRobbie leider nicht da war, und dann das Forum 8 'Ich bin Porno', in dem die gesellschaftskritische und pragmatische Seite gut dargestellt wurde." (Kerstin Schoneboom, Fachhochschule Kiel)

"Mein Eindruck ist durchwachsen. Besonders ist mir die Eröffnung im Gedächtnis geblieben, weil ich sehr begeistert war über die Einleitung. Es war eine sehr politische Einleitung, in der auch sonst marginalisierte oder verschwiegene Einsprüche in den weißen Mainstream-Feminismus angesprochen wurden. Entsetzt war ich von der Auswahl der Referentin für den Eröffnungsvortrag, der im krassen Gegensatz zur Einleitung von Thomas Krüger stand, und für eine Rebiologisierung und Entpolitisierung der Geschlechterverhältnisse plädierte. Das hat mich geärgert, weil es auf einer Tagung der politischen Bildung eigentlich darum gehen müsste, Geschlechterverhältnisse eben zu entbiologisieren und politisieren. Das warf bei mir sehr viele Fragen auf. Das Publikum ist sehr gemischt im Gegensatz zu anderen Geschlechterkonferenzen - dadurch wäre ein Dialog möglich gewesen, der leider nicht in einem Maße zustande gekommen ist, wie ich es mir gewünscht hätte." (Dr. Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe, FU Berlin)

Freitag, 29. Oktober 2010

Forum 7: Fit für die Fortpflanzung? Körper für die Leistungsgesellschaft

Was bedeuten die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin für die Gesellschaft? Führen sie tatsächlich zu mehr Selbstbestimmung? Welche Rolle spielen unterschiedliche Akteur_innen in der Diskussion um das Recht auf Abtreibung?

Dr. Anne Waldschmidt, Professorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation, Sarah Diehl, Afrikawissenschaftlerin und Filmemacherin, und Lena Correll, Soziologin und Sinologin, diskutierten sehr unterschiedliche Aspekte der Fortpflanzungspolitik und -technologie. Demografische Entwicklung, ethische Argumentationen und ökonomische Zwänge spielen in der gesellschaftlichen Debatte ineinander.

von Claire Horst

Der Kulturanthropologe Sven Bergmann führte in das Thema Reproduktionstechnologie ein. Er wies auf die zentralen Veränderungen hin, die moderne Technologien für unser Verhältnis zum Körper bedeuten. So habe die Pille den weiblichen Körper kontrollierbarer gemacht. Visualisierende Methoden wie der Ultraschall hätten die Wahrnehmung von Mutterschaft verändert: Dass auf Bildern nur der Embryo zu sehen sei, reduziere die Mutter auf eine reine Nährumgebung.

Aufschlussreich sind auch die unterschiedlichen sprachlichen Herangehensweisen, die er zitierte. Von neutralen Bezeichnungen wie "Reproduktionsmedizin" über die euphemistische "Kinderwunschbehandlung" bis zum "Retortenbaby" oder "Cyborg" gehen die Semantisierungen, mit denen die Reproduktionsmedizin thematisiert wird.

Bergmann nannte schon die Spannungsfelder des Themas: Die Möglichkeit, kinderlosen Paaren zum Wunschkind zu verhelfen, führe zu einer "Hoffnungsökonomie. Er wies darauf hin, dass sich schon in den siebziger Jahren Technologiekritik und Befreiungspotentiale gegenüber standen. Heute reiben sich Pro Life- und Pro Choice- Bewegungen aneinander.

Anne Waldschmidt, Gründungsmitglied des "Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik", sieht in der Diskussion um diese Technologie eine der zentralen Fragen unsere Gegenwart angesprochen, die Frage danach, was wir als schützenswert, was als bekämpfenswert ansehen. Dass die PND Leid verhindern kann, ist ein zentrales Argument für diese Technik. Warum wird das Leid, ein behindertes Kind zu gebären, so hoch angesetzt, fragte Waldschmidt. Sie vermutet dahinter ökonomische Interessen. Auch die These, PND verhelfe Frauen zu größerer Autonomie, überzeugt Waldschmidt nicht. Sie sieht in der PND die Gefahr, auf eine Normalisierungsgesellschaft zuzusteuern, in der Anderssein nicht mehr toleriert wird.

Wird Kinderkriegen immer mehr zu einer Leistung für die Gesellschaft? Erhöht sich damit der Erwartungsdruck an Frauen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen? Diese Fragen stellte sie in den Raum.

Sarah Diehl, die zweite Referentin, beschäftigt sich mit den Zugangsbeschränkungen, die in Bezug auf Abtreibung in Deutschland bestehen. Deutschland ist eins von vier Ländern in der EU, in denen Abtreibung immer noch illegal ist. Diehl kritisierte die rechtliche Lage, nach der der Embryo als Rechtssubjekt konstruiert werde und damit der Frau als gleichwertig gegenübergestellt werde. Daneben bereiten ihr die Aktivitäten selbsternannter "Lebensschützer_innen" Sorgen. Im Internet, in Schulen und in Kampagnen betrieben diese Gruppen Gegenaufklärung. Im Verlauf ihrer Studien hat Diehl festgestellt, dass Frauen so verunsichert sind, dass sie sich kaum über ihre Erfahrungen mit Abtreibung austauschen.

Lena Correll, die ihre Dissertation zum Thema Fortpflanzung geschrieben hat, hakte bei der These ein, dass Kinderkriegen immer mehr zu einer Leistung für die Gesellschaft werde. Familienpolitik werde wieder zur Bevölkerungspolitik, wenn die demografische Entwicklung angeführt werde.

Sie stellte weiterhin fest, dass Frauen immer noch die Hauptverantwortung für die Fortpflanzung übertragen werde. Männer würden nur am Rande einbezogen, etwa mit der Regelung der Vätermonate.

In der anschließenden Diskussion tauchte ein Verständigungsproblem auf, das den gesamten Kongress durchzog. Unterschiedliche Generationen von Feministinnen sprechen anders und über andere Themen. So bemängelte eine Teilnehmerin, die Vielfalt an Themen wie Queerness, Migration und schwule Vaterschaft verdränge die klassische Frauenpolitik.

Andere fühlten sich von der Diskussion in ihrem Wunsch bestärkt, den wachsenden Normierungsdruck zu kritisieren. Eine Beteiligte beklagte das Verstummen linker Kritik an menschenfeindlicher Diskussionsführung. Es sei einfach, Sarrazins Äußerungen zur Genetik zu kritisieren. Viel notwendiger sei aber eine Kritik an aktuellen Entwicklungen in der Genforschung oder an normierenden Castingshows.


Mittwoch, 27. Oktober 2010

Einladung zum Genderkongress

Wir möchten Sie herzlich einladen zum internationalen Kongress „Das flexible Geschlecht - Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Der Kongress findet vom 28. bis 30. Oktober im dbb-Forum in Berlin statt. Es geht um neue und alte Ungleichheiten an den Schnittstellen von Geschlecht, Sexualität, Status, Identität und Differenz und Fragen wie die nach der Rolle von Geschlecht/Gender bei gesellschaftlichen Umbrüchen im Zeichen einer globalen Ökonomie?
Termin/Ort: 28. bis 30. Oktober 2010 im dbb-Forum Berlin, Friedrichstraße 169/170 (Mitte)
Presseanmeldung: presse@bpb.de - es sind nur noch wenige Plätze frei, daher bitte unbedingt akkreditieren.
Renommierte Expertinnen und Experten diskutieren mit rund 500 Teilnehmenden die aktuellen Entwicklungen in der Genderdebatte:
Susan Pinker: Key Lecture der kanadischen Psychologin und Autorin zur Kongresseröffnung am 28. Oktober um 17:00 Uhr
Eva Illouz: Einstiegsvortrag am 29. Oktober, anschließend Einstieg in elf Themenforen zu den Themen „Selbstverwirklichung im Minijob?", Krisenmanagement in einer männlich geprägten Gesellschaft, Gender in der Migrationsgesellschaft, die Auswirkungen der neuen „Generation Porno" sowie weiteren Schwerpunkten.
Manfed Spitzer reflektiert die Debatte über den Bildungswettlauf der Geschlechter
Angela McRobbie hält den Einführungsvortrag im Forum „Medienheldinnen und Vorzeigefrauen"
Birgit Sauer berichtet über den aktuellen Stand der „Frauenrepublik"
Miriam Meckel: Kongressabschluss am 30. Oktober über die Frage, ob Chancengleichheit und Gleichberechtigung ihr Ziel erreicht haben und welche Parameter bestimmen, ob wir ein glückliches Leben führen
All genders welcome! Die Konferenzsprache ist Deutsch, die Teilnahme ist kostenlos. Mehr Infos und das Programm finden Sie unter www.bpb.de/genderkongress.
Der Kongress ist eine Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin.