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Samstag, 30. Oktober 2010

Miriam Meckels Keynote "Symbolische Selbstverleugnung"


von Svenja Schröder

Miriam Meckels Keynote "Symbolische Selbstverleugnung" am Abschlusstag der Konferenz wurde von vielen mit Spannung erwartet. Ihrem Vortrag zufolge gibt es drei zentrale Aspekte, die eine große Rolle bei der fehlenden Gleichberechtigung der Geschlechter spielen: Erstens gibt es zu wenig Frauen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Führungspositionen innehaben. Zweitens fehlt es an weiblichen Role Models, die den Weg für jüngere Frauen weisen. Daran schließt sich Meckels dritte These an, dass es schwer ist, Frauen für aktive gesellschaftliche Teilhabe zu gewinnen, da viele unter einem geringen Selbstbewusstsein leiden.

Denn viele Frauen stünden sich auf dem Weg an die Spitze selbst im Weg. Sie forderten nicht das ein, was ihren männlichen Kollegen ganz selbstverständlich zustünde, beispielsweise gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dies löse in den Frauen Stress aus, was bisweilen sogar bis zum emotionalen Zusammenbruch führen könne. In diesem Punkt spricht Frau Meckel aus Erfahrung, denn sie selbst hatte 2008 einen Burnout. Ihre Erfahrungen mit dem Burnout-Syndrom veröffentlichte sie dieses Jahr in dem Buch "Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout". Dass sie im Laufe ihrer steilen Karriere oft die einzige Frau unter Männern gewesen sei, habe rückblickend betrachtet bei ihrem Zusammenbruch eine Rolle gespielt. Die einzige Frau zu sein sei zwar ein Alleinstellungsmerkmal, aber auch ein Zeichen der immer noch fortwährenden massiven Missständen.

Frauen müssen mutiger werden, so Meckel, sie müssen "nein" sagen und Forderungen stellen. Da dies gemeinsam besser ginge als alleine, müssen Frauen außerdem Netzwerke aufbauen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Meckel forderte einen zeitgemäßen Genderdiskurs, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen und mehr Frauen als Role Models zu gewinnen. Als Instrument zur Durchsetzung dieser Forderungen verwies sie auf gesetzliche Grundlagen, allen voran die Frauenquote. In Norwegen funktioniere dies sehr gut, dort seien heute bereits 40 Prozent der Führungsräte mit Frauen besetzt.

Nach dem Vortrag sprach die Journalistin Ferdos Forudastan, die die anschließende Diskussion moderierte, Frau Meckels Forderung nach einer Frauenquote an. Frau Meckel meinte, dass sie früher vehement gegen die Quote argument hätte. Heute würde sie aber sagen, dass es nicht anders ginge, um die gravierenden Missstände zu beseitigen. Deutschland sei ein Land der ängstlichen BewahrerInnen. Nicht umsonst gäbe es für das Wort "Rabenmutter” (verwendet für Mütter, die gleichzeitig arbeiten gehen) in keiner anderen Sprache eine Entsprechung. Auf die Frage von Forudastan, wie man den Diskurs umdrehen könne, antwortete Meckel, dass die bestehenden Strukuren aufgebrochen werden müssen.

In der sich anschließenden Diskussion wurde Frau Meckels Position für mehr Frauen in Führungspositionen mehrfach kritisiert. Frauen in Führungspositionen würden sich nicht zwangsläufig für mehr fortschrittliche Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, so eine Teilnehmerin. Dies würde an der Frauenquote der CSU oder der der Republikaner in den USA deutlich. Auch sollte der Fokus darauf gelegt werden, dass es bei der Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit nicht nur um die Führungspositionen gehen dürfe. Nur für mehr Frauen in Führungspositionen zu plädieren wäre eine zu kurze Sichtweise, da so der Fokus nur auf schon gut verdienende, bereits angestellte Frauen gerichtet würde. Frau Meckel entgegnete darauf, dass dies nur die Perspekte sei, die sie herausgegriffen habe, und dass die anderen Sichtweisen natürlich nicht vernachlässigt werden dürften.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass es vielleicht ein guter Ansatz ist, vermehrt Frauen in Führungspositionen zu bringen, um so nachhaltig Unternehmenskultur zu ändern und mehr weiblichen Role Models den Weg zu ebnen, trotzdem darf nicht vernachlässigt werden, dass dies nicht der einzige Kampf ist, der geführt werden muss. Besonders auf den Schnittstellen von Sexismus, Klassismus und Rassismus (und natürlich anderen Ismen) wird sich so für die Mehrzahl aller Frauen nichts ändern.

Forum 9: Zweisame Demokratie? Gegenwart, Widerstand und Perspektiven




Von Sonja Erkens

„All Genders welcome!“ hieß es ermutigend in der Kongressankündigung und höchst wahrscheinlich wurde diese Aufforderung am konsequentesten in Forum neun erfüllt: Erfahrungen mit den Grenzen und Ausschlüssen von Zweigeschlechtlichkeit gab es dort quasi aus erster Hand, also von Menschen, die sich als Trans* oder Inter* begreifen. „Wir sagen Trans oder Inter und denken uns das Sternchen dahinter dazu“, erläuterte Adrian da Silva von der Berliner Humboldt-Universität. „Das bietet die Möglichkeit, sowohl beispielsweise Intersexuelle wie auch Intergender-Identifizierte anzusprechen.“

Als erster Stolperstein beim Sprechen über und vor allem mit Menschen, die sich keinem der üblicherweise zwei angebotenen Geschlechter zugehörig fühlen, entpuppte sich nämlich – ganz banal – die Sprache selbst: Wo Worte fehlen, fehlt letztlich auch das Bewusstsein um die Existenz dessen, was benannt werden müsste.

Dass die Medizin sehr wohl über ein Repertoire an Begriffen verfügt, mit denen sie Menschen mit beispielsweise sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtsorganen beschreibt, erläuterte Ulrike Klöppel von der Charité Berlin – allerdings dienten diese Begriffe immer der Pathologisierung, also dazu, etwa intersexuelle Menschen als „krank“ zu definieren - weil sie als Ausnahme von der Regel begriffen werden. Gegen diese Annahme, also dass die häufig auch „Hermaphroditen“ genannten Menschen durch hormonelle „Therapien“ oder gar operative „Geschlechtsangleichung“ „geheilt“ werden müssten, setzt sich die_der Künstler_in und Aktivist_in (Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen) Ins A Kromminga seit Jahren ein: „Inter* ist keine Krankheit, sondern eine Form des Menschseins!“, sagt Kromminga, die_der sich selbst als „eindeutig zwischengeschlechtlich“ bezeichnet.

In der bisweilen traurigen Realität ist diese Sichtweise jedoch eher eine randständige. Konstanze Plett, Rechtswissenschaftlerin an der Universität Bremen wies auf das Transsexuellengesetz hin, das eine Geschlechtsumwandlung nur dann als rechtskräftig erklärt, wenn sich die betreffende Person sterilisieren lässt, sodass beispielsweise eine ehemals biologische Frau, die nun als Mann lebt, nicht schwanger werden kann: „Diese Gesetzgebung ist skandalös und verstößt gegen die Menschenrechte!“

Auch Arn Thorben Sauer vom Verein TransInterQueer präsentierte eher deprimierende Zahlen hinsichtlich der Diskriminierung von Trans*-Menschen: Ein überwiegender Teil derer, die im Verlauf ihres Lebens das Geschlecht wechseln, hat bei Vorstellungsgesprächen schlechte Karten, verdient miserabel und leidet zu allem Übel noch häufig an Depressionen.

Nur was tun, um die vermeintlich natürliche Zweigeschlechtlichkeit, die uns nur in wenigen Lebensbereichen nicht begegnet, ein bisschen aufzulösen? Bei aller Bescheidenheit schlägt Uta Schirmer, Dozentin an der Wiesbadener Hochschule RheinMain, die eine oder andere Drag-Kinging(oder –queening)-Session vor: ein bisschen angeklebtes Gesichtshaar sei manchmal schon genug, um zu verdeutlichen, dass die Grenzen zwischen „weiblich“ und „männlich“ fließend sind – und ein bisschen Verwirrung der eigenen Umwelt kann ja bekanntermaßen nie schaden.

Forum 8: Ich bin Porno! – Die neue sexuelle Revolution?


von Svenja Schröder und Sabine Rohlf

Es war nicht anders zu erwarten:  bei einem Panel mit einem solch brisantem Thema war der Raum voll, als Nana Adusei-Poku die TeilnehmerInnen begrüßte. Um alle Anwesenden auf das Thema einzustimmen, zeigte die Promovendin im Graduiertenkolleg "Geschlecht als Wissenskategorie" an der HU Berlin in ihrer Einführungspräsentation Werbebilder mit Pornoreferenzen, die in unserer Konsumwelt zum Alltag gehören: z.B. phallusartige Lippenstifte und schamverhüllende Parfumflakons. Dabei stellte sie mehrere Fragen: Wer wird hier eigentlich befriedigt? Sind DIY-Pornos die neue sexuelle Revolution? Und welche Auswirkungen hat die Bildersprache von Porno auf unsere Sexualität und unsere Beziehungen?

Johannes Gernert bei seinem Input-Vortrag

Den ersten Inputvortrag hielt Silja Matthiesen vom Zentrum für Psychosoziale Medizin Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und zwang dem Veranstaltungstitel zwei Fragezeichen auf: "Bin ich Porno? - Eine neue sexuelle Revolution?" Sie berichtete von ihrer Studie zu Jugendsexualität und den Auswirkungen von Pornografie auf Jugendliche. Jenseits von Medienberichten, wie dem 2007 erschienenen Stern-Artikel "Voll Porno! Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist", lässt Matthiesen die Jugendlichen und nicht die Medien sprechen. Ihren Befunden zufolge gehören Pornos heutzutage mehr und mehr zum Alltag der Jugendlichen, wobei eher Jungen als Mädchen pornografisches Material konsumieren. Ihr Fazit dazu ist, dass die Normalisierung von Pornografie dazu führt, dass die Jugendlichen gelassen und sogar belustigt Sexszenen gucken können, ohne direkt alles zwanghaft nachzunahmen. Sie spricht hierbei von sexueller Zivilisierung der Jugendlichen.

Linda Hentschel und Antke Engel

Johannes Gernert, Autor des 2010 erschienenen Buches "Generation Porno", ging näher auf die von Pornografie veränderten Körperbilder von Jugendlichen ein. Seine Frage war, ob sich Jugendliche heute in Zeiten von StudiVZ und Youporn stärker mit ihrem eigenen Körper beschäftigen. Für ihn ist Pornographie auch eine Form der Inszenierung – man tut so, als wäre es echter Sex, aber mit großer Show drumherum. Leider wurde trotz einiger Statistiken in seinem Vortrag nicht klar, ob Pornographie Körperbilder von Jugendlichen beeinflusst oder nicht.

Antke Engel bei ihrem Vortrag

Intensiv diskutiert wurde nach der Pause das Statement von Antke Engel, der Leiterin des Queer Instituts Berlin, insbesondere ihre Ausführungen zu Gesetzesinitiativen gegen Frauenhandel und Genitalverstümmelung. Sie reproduzierten ihrer Meinung nach die problematische Opposition „der westlichen Zivilisation gegen das unzivilisierte andere“, zementierten so die Binarität zwischen weiblichem Opfer und männlichem Retter und seien entsprechend zu kritisieren. Das provozierte einigen Widerspruch, da es wichtig sei, gegen solche Formen von Gewalt gegen Frauen anzugehen. Dass es gar nicht um das Ob, sondern um das Wie ging, zeigte sich spätestens bei dem Beispiel, das Linda Hentschel in die Diskussion einführte: Am Beispiel eines Time Magazine-Titels erläuterte sie, wie ein Bild einer im Gesicht verstümmelten Frau mit Kopftuch zum Zwecke der westlichen Kriegspropaganda missbraucht wurde ("What happens if we leave Afghanistan").

Zahlreiche Wortmeldungen

Auch die Frage, inwieweit Pornos oder sexualisierte Bilder im Netz nicht auch der (z.B. weiblichen) Selbstermächtigung dienen können oder einen Raum für nicht normgerechte Geschlechter und Begehrensformen eröffnen, wurde ziemlich lebhaft diskutiert. Dabei zeigte sich, dass sich Theorie und Empirie ziemlich gut verständigen können. Die eher diskurstheoretischen Überlegungen von Hentschel und Engel ließen sich bestens mit denen von Johannes Gerner und Silja Matthiesen verbinden. Das läuft bekanntlich nicht immer so gut und war an dieser Stelle sehr produktiv.

Nana Adusei-Poku und Johannes Gernert

Linda Hentschel

Die Frage, wer jetzt Porno ist, wurde nicht beantwortet. Was aber auch nicht so schlimm ist, denn Nana Adusei-Poku betonte direkt zu Anfang, dass dieses Panel nicht die Frage lösen könne, was Porno denn nun sei. Da bleibt uns nur noch, Manuela Kay (Chefredakteurin der Zeitschrift L-Mag) zu zitieren, die auf der Konferenz „Gender Happening“ des Gunda-Werner-Instituts die Subjektivität solcher Aussagen betonte: "Guter Porno ist das, was mir gefällt."

Das Publikum diskutiert rege mit

Freitag, 29. Oktober 2010

Forum 5: Brain Drain? Jungs und Mädchen im Bildungswettlauf




Hoch her ging es zeitweise auf dem Forum 5 „Brain Drain? Jungs und Mädchen im Bildungswettlauf“, es wurde ziemlich viel gelacht – und auch gestritten. Das lag zu großen Teilen daran, dass hier Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen aufeinander trafen: Während Manfred Spitzer von der Universität Ulm mit einem Schnell-Überblick über den Diskussionsstand der Hirnforschung startete und seine Ausführungen u.a. mit Beispielen aus der Primatenforschung spickte, versorgten die Soziologinnen Heike Kahlert und Sigrid Metz-Göckel das Publikum mit Einschätzungen über konkrete Probleme im Bildungssystem. Sie wiesen darauf hin, dass Schule und Unis nach wie vor von einem hierarchischen Geschlechtermodell geprägt seinen. Und dass spätestens beim Übergang zum Beruf die alten Hierarchien greifen. Da sei es mit dem weiblichen Vorsprung sowieso zumeist vorbei. Der Erziehungswissenschaftler Paul Mecheril fragte, ob der „Wettlauf“ in der Forum-Überschrift nicht eine problematische Logik reproduziert. Er betonte die Bedeutung kulturtheoretischer und hermeneutischer Reflektion in Bezug auf das Thema Gender und Bildung. Er reagierte damit auf einige Formulierungen Spitzers und auf die Anmoderation des Forums durch Jürgen Kaube von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der hatte gesagt, der Bildungswettlauf der Mädchen und Jungen sei keine philosophische Debatte.


Die Diskussion hatte also unterschiedliche „Baustellen“, wie Heike Kahlert es ausdrückte. Es gab auch Gerangel um die Deutungshoheit zwischen Natur-, Gesellschafts- und GeisteswissenschaftlerInnen: Wie interpretiert man die Wechselwirkungen zwischen Natur und Kultur (die auch Spitzer einräumt), wie spricht man sinnvoll über die Unterschiede zwischen Menschen, z.B. über den Unterschied Mädchen - Junge?

Stimmt es überhaupt, dass die Mädchen an den Schulen gerade dabei sind, die Jungs abzuhängen? Oder sind sie nicht viel eher gerade dabei, so etwas wie einen Gleichstand herzustellen, was schon reicht, um für Aufregung, ja womöglich Panik zu sorgen. Denn es kann keine Rede davon sein, so Sigrid Metz-Göckel, dass die Mädchen uneinholbar davonziehen, oder dass gerade was komplett Überraschendes passiere. Zur medialen Aufregung über Jungs als Schulverlierer kommentierte sie : „Viel Lärm um nichts.“


Schnell wurde klar, und da waren sich eigentlich alle einig, dass es nicht ausreicht, eine Differenz allein zu betrachten. Nicht nur Geschlecht beeinflusse den Bildungserfolg, sondern auch Fragen der sozialen Schicht oder Ethnie. Beides laufe oft unbewusst, so würden zum Beispiel Philipp und Faruk unterschiedlich beurteilt oder eben auch Paula oder Max. Kompliziert wird es, sobald sich verschiedene Kategorien überkreuzen.

Aus dem Publikum kamen spannende Fragen. Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen berichteten aus ihrem Alltag und es klang oft ziemlich wütend. So würde zu oft auf Quantität statt Qualität gesetzt. Mehr männliche Lehrer, so eine genervte Lehrerin, würden weder verunsicherten Jungs noch ehrgeizigen Mädchen was nützen, Geschlecht allein habe noch kein Problem gelöst. Viel wichtiger sei es, meinte sie, wie diese LehrerInnen den Unterricht gestalten und welche Inhalte sie vermitteln. Dafür gab es lauten Applaus.

Leider scheint an vielen Schulen eine Gender-Debatte noch nicht angekommen zu sein. Wenn aber LehrerInnen oder womöglich die SchülerInnen selbst glauben, dass Mädchen kein Mathe können und Jungs immer den Unterricht stören, dann werden sie diese Stereotype unbewusst reproduzieren. Und stereotype Bilder werden spätestens dann zum Problem, wenn bei Studienfächern Männerquoten eingeführt werden, weil die „Feminisierung“ eines Faches (bzw. zu viele Studentinnen in demselben) in unserer Gesellschaft nach wie vor mit Abwertung assoziiert wird.


Eine bessere LehrerInnenausbildung, eine bessere Ausstattung der Schulen und vor allem mehr Aufmerksamkeit für Differenzen, ist, was wir brauchen. Da war sich das Podium – bei allen Unterschieden der Sichtweisen ziemlich einig. Den unterschiedlichen Schulerfolgen von Jungen und Mädchen sollte man nicht mit unreflektiertem Fördern begegnen, sondern mit einer großen Aufmerksamkeit für die jeweiligen, von diversen sozialen Faktoren geprägten Situationen der Kinder.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Interview mit den Organisatorinnen Milena Mushak & Petra Grüne

1919 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Keine hundert Jahre später sitze ich im gläsernen Besprechungsraum der dbb Forum in der schicken Friedrichstraße Petra Grüne und Milena Mushak, den beiden Organisatorinnen des 3. Internationalen Genderkongresses, für ein kurzes Interview gegenüber.

von Elisabeth R. Hager

Missy Magazine: Gerade ging die Eröffnungsveranstaltung des 3. Internationalen Genderkongresses über die Bühne. Mit welchen Erwartungen blicken Sie den nächsten zwei Tagen entgegen?

Grüne: Wir haben den Kongress ja schon mit einer sehr kontroversen Debatte begonnen und hoffen, dass auch weiterhin sehr viel diskutiert wird.

Mushak: Ich bin vor allem deshalb gespannt, weil die Zusammensetzung der Teilnehmer_innen bei diesem Kongress äußerst unterschiedlich ist. Es gibt teilweise das einschlägige Publikum, aber nicht durchgehend.

Missy Magazine: Wie sieht das einschlägige Publikum denn aus?

Grüne: Das sind klassischer Weise 68er-Frauen. Diesmal sind aber auch viele Leute von NGOs da, viele Leute von Banken. Also von der Berliner Landesbank haben sich 17 Leute kollektiv angemeldet und Leute von Handwerkskammern, von Versicherungen, eben nicht das übliche, rein akademische Publikum, das normalerweise auf solche Kongresse geht. Ich finde das wirklich klasse, kann mir das aber gerade selbst nicht wirklich erklären.

Missy Magazine: Das Programm ist extrem breit gefächert. Die angeschnittenen Themen reichen von Selbstwert und Anerkennung im Kapitalismus über Migration, Reproduktion bis hin zu Sexarbeit. Stellen Sie sich den Kongress als Bestandsaufnahme der aktuell geführten Gender-Debatten vor oder gibt es eine konkrete Leitfrage?

Mushak: Also ich hatte keine. Ich weiß nicht, ob du eine hattest?
Grüne: Das hat natürlich alles eine Vorgeschichte. Ursprünglich hatten wir 1999 den ersten, großen Genderkongress gemacht, der damals das Schlagwort Geschlechterdemokratie hatte. Das ist 1999 zum Grundgesetzjubiläum umgesetzt worden. Dann hatten wir 2002 einen, da ging‘s um Gender Mainstreaming und nun, zum Grundgesetzjubiläum wollten wir wieder einen machen. Diesmal wollten wir einen Genderkongress machen, der nicht nur die alten Recken aktiviert, sondern auch jüngere Frauen und Leute aus anderen Bereichen. Wie wollten also einen neuen Ansatz haben und haben viel diskutiert. Na und dann dachten wir uns: In der Postmoderne - anything goes. Man kann sein Geschlecht im Grunde frei wählen, man kann zwischen Geschlechtern switchen, auch wenn es schwierig ist, ist es doch prinzipiell möglich. Aber trotzdem sind die Leute nicht glücklich, und woher kommt das? Da war dann die Suche nach einem bestimmenden Faktor und dieser Faktor ist im Grunde genommen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und, dass es auch ein wirtschaftliches Interesse dabei gibt. Und das war dann die rote Linie.

Missy Magazine: Wenn man sich hier auf dem Kongress umschaut, sieht man eine überdurchschnittlich hohe Zahl biologischer Frauen. An welche Menschen adressieren Sie diesen Kongress?

Mushak: Ja, das stimmt. Das fällt mir auch auf.
Grüne: Ich finde es ein bisschen traurig, aber das ist auch ein normaler Satz auf solchen Kongressen. Früher haben wir bei der Planung des Kongresses darauf geachtet. Das haben wir diesmal nicht gemacht. Am Schnitt von 10% Männern hat das aber nichts geändert. Das Thema aber wird momentan an allen möglichen Stellen diskutiert, wo es früher nicht besprochen wurde. Ich denke da z. B. an die Wochenendbeilage der SZ vor ein paar Wochen oder den Artikel im Focus.

Missy Magazine: Für welche Panels haben sich denn die meisten Leute angemeldet?

Grüne: Das ist das Forum 1, Gender, Macht und Gläserne Decken: Ernüchterung in der "Frauenpolitik"?. Die Veranstaltung findet im großen Saal statt. Aber das unterscheidet sich nicht besonders in der Zahl. Die Veranstaltungen sind alle voll.

Das Missy Magazine begrüßt zum Kongress „Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten“

Wir haben ein mehrköpfiges Team aus Autorinnen und Bildproduzentinnen zusammengestellt, das den Kongress laufend mitdokumentiert. Mit Interviews, Veranstaltungsberichten, Fotostrecken und Videos begleitet dieser Blog die KongressteilnehmerInnen bei der Frage der Interdependenz zwischen Ökonomie und Genderpolitiken.

Wer will sich da noch beschweren? Wir haben eine Bundeskanzlerin, einen schwulen Außenminister, eine First Lady mit Tattoo und eine Verteidigungsministergattin, die ihren adligen Gemahl angeblich auf der Love Parade kennen gelernt hat und Dinge über machistische Aggro-Rapper sagt, die wir auch unterschreiben würden. Wir können Gender Studies studieren, unsere Berufe frei wählen, so viel Gehalt fordern, wie wir uns trauen, den Partner in die Vätermonate schicken, und unter Umständen dürfen wir sogar abtreiben. So viel Emanzipation und Freiheit waren noch nie, und trotzdem herrscht unter Frauen, feministischen Männern, MigrantInnen, Queers, Transpersonen, Behinderten und den sonstwie Marginalisierten keine Euphorie. Es drückt vielmehr eine schwere Depression von oben, die von der globalen Finanzmarktkrise nur noch verschärft wurde.

Denn die Freiheit, frei zu sein, meint in überwältigend vielen Fällen maßgeblich die Freiheit, unsicher zu sein: Arm zu sein, ununterstützt zu sein, dauernd auf der Suche und in keiner Form abgesichert zu sein. Die "Forderungen nach Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwaltung und das Versprechen einer grenzenlosen Freisetzung der menschlichen Kreativität", die Boltanski/Chiapello als Motor der studentischen "Künstlerkritik" der 1960er Jahre identifiziert haben, sind längst, wie das AutorInnenpaar in "Der neue Geist des Kapitalismus" nachgezeichnet hat, zu (Selbst-)Optimierungsanforderungen in managerialen Idiologemen geworden. "Das unternehmerische Selbst ist ein Leitbild" schreibt Ulrich Bröcklig in seiner gleichnamigen Untersuchung ironisch, und wir alle kennen die damit einhergehenden Schlagworte zur Genüge: die von der Prekarisierung, von der Generation Praktikum, vom Kreativzwang, von der Ich-AG, von der Dauer-Flexibilisierung und vom Burn-Out. Besonders Frauen, denen stereotyp Eigenschaften wie Empathie, Multitasking-Fähigkeit, Leidensbereitschaft und Verzicht zugeschrieben werden, werden nun verstärkt als "Das flexible Geschlecht", das mit diesen neuen Anforderungen qua ihnen eingeschriebener Geschichte besonders gut klar kommt, angerufen.

Die Frage, die die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem diesem gewaltigen Themenkomplex gewidmeten Mammut-Kongress gleich im Eingangs-Statement aufwirft: "Sind emanzipierte und flexible Menschen automatisch glücklich?" möchte man daher reflexhaft mit einem trotzigen "Nein, auf keinen Fall!" beantworten. Doch es lohnt sich, noch einmal genauer hinzusehen. Und dann vielleicht differenzierter zu erkennen, wer wie wo genau von der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche betroffen ist. Und festzustellen, dass die Intersektionalität von Geschlecht, Klasse und Ethnie an manchen Stellen ganz massive Unterdrückungspotenziale addiert.

Daher ist die Vielschichtigkeit der beeindruckenden 11 Panels, die zudem alle interessant und ausgewogen besetzt sind, besonders zu begrüßen. Während es in den ersten drei Panels vor allem um Fragen von wirtschaftlicher oder politischer Macht und Gender geht, dreht sich in den den drei weiteren Diskussionsgruppen des Freitag Vormittags alles um Medien-Images, Bildung und Migration. Auf den fünf Podien des Nachmittags steht die Biopolitik im Vordergrund, wenn Fortpflanzungstechnologien, Pornokultur, Intersex-Issues, Arbeitsaufteilung in Familienverbänden und die Ökonomisierung der Gefühle diskutiert werden. Spannend wird vor allem zu verfolgen sein, ob tatsächlich umfassend und kritisch strukturelle Ausschluss- und Benachteiligungsmechanismen benannt werden, oder ob es der Mehrzahl der Beteiligten darum gehen wird, disparate Positionen und Entwürfe möglichst effektiv in ein Diversity Management einzupassen. Es liegt an den TeilnehmerInnen, für deren Beiträge extra viel Räum gelassen wird, die Diskussionen mitzugestalten - also erscheint zahlreich und redet euch die Köpfe heiß.

Sonja Eismann

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Einladung zum Genderkongress

Wir möchten Sie herzlich einladen zum internationalen Kongress „Das flexible Geschlecht - Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Der Kongress findet vom 28. bis 30. Oktober im dbb-Forum in Berlin statt. Es geht um neue und alte Ungleichheiten an den Schnittstellen von Geschlecht, Sexualität, Status, Identität und Differenz und Fragen wie die nach der Rolle von Geschlecht/Gender bei gesellschaftlichen Umbrüchen im Zeichen einer globalen Ökonomie?
Termin/Ort: 28. bis 30. Oktober 2010 im dbb-Forum Berlin, Friedrichstraße 169/170 (Mitte)
Presseanmeldung: presse@bpb.de - es sind nur noch wenige Plätze frei, daher bitte unbedingt akkreditieren.
Renommierte Expertinnen und Experten diskutieren mit rund 500 Teilnehmenden die aktuellen Entwicklungen in der Genderdebatte:
Susan Pinker: Key Lecture der kanadischen Psychologin und Autorin zur Kongresseröffnung am 28. Oktober um 17:00 Uhr
Eva Illouz: Einstiegsvortrag am 29. Oktober, anschließend Einstieg in elf Themenforen zu den Themen „Selbstverwirklichung im Minijob?", Krisenmanagement in einer männlich geprägten Gesellschaft, Gender in der Migrationsgesellschaft, die Auswirkungen der neuen „Generation Porno" sowie weiteren Schwerpunkten.
Manfed Spitzer reflektiert die Debatte über den Bildungswettlauf der Geschlechter
Angela McRobbie hält den Einführungsvortrag im Forum „Medienheldinnen und Vorzeigefrauen"
Birgit Sauer berichtet über den aktuellen Stand der „Frauenrepublik"
Miriam Meckel: Kongressabschluss am 30. Oktober über die Frage, ob Chancengleichheit und Gleichberechtigung ihr Ziel erreicht haben und welche Parameter bestimmen, ob wir ein glückliches Leben führen
All genders welcome! Die Konferenzsprache ist Deutsch, die Teilnahme ist kostenlos. Mehr Infos und das Programm finden Sie unter www.bpb.de/genderkongress.
Der Kongress ist eine Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin.