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Dienstag, 9. November 2010
Videorückblick
Von der Registrierung am Donnerstag bis das die letzte Teilnehmer_in am Samstag das dbb Forum verließ, hat Julia Reinecke, mit Unterstützung von Isabelle Küster, den Kongress mit ihrer Kamera begleitet. Hier ist ihr Zusammenschnitt von Eindrücken und Meinungen.
Freitag, 29. Oktober 2010
Eröffnungsrede von Thomas Krüger zum Kongress (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung), 28.10.2010
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren und ein herzliches Willkommen an alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen.
Ich begrüße Sie im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung zum diesjährigen Kongress „Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie." Unter diesem Motto diskutieren Expertinnen und Experten, Aktivistinnen und Aktivisten in den kommenden drei Tagen historische und fortbestehende Ungleichheiten im Spannungsfeld von Identitäten und Differenzen. Seit 1999 übrigens fördert die Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen von Kongressen und Publikationen die intensive Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen und Gesellschaften. Dabei geht es zunächst um konkrete politische Forderungen nach gerechten Geschlechterverhältnissen, nach Geschlechtervielfalt und Gender Mainstreaming. Darüber hinaus steht immer auch der größere Rahmen und die Frage nach einer gerechteren Gesellschaft im Fokus, in der allen Menschen Anerkennung, Bildung und Teilhabe zuteil wird, und sie ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Auf den ersten Blick scheinen heute viele hart erkämpfte Ziele in Sachen Geschlechtergerechtigkeit erreicht zu sein: Es regiert erstmals in der Geschichte eine Bundeskanzlerin, klassische Geschlechterkategorien erodieren mehr und mehr, immer mehr Frauen studieren und nehmen wichtige öffentliche Funktionen wahr, und neue selbstbewusste Väter verändern klassische Rollenmuster. Auf der anderen Seite blendet die offizielle Politik, wenn sie von Gleichberechtigung spricht, neue wichtige Herausforderungen unserer sich pluralisierenden und immer vielfältiger werdenden Gesellschaft allzu oft aus.
Das im Singular bezeichnete flexible Geschlecht im Titel des Kongresses bezieht sich weniger auf ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Geschlechterposition als vielmehr auf die Kategorie Geschlecht oder Gender als Strukturelement gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Kategorie Geschlecht und die daran geknüpften Ungleichheiten sind immer schon durchkreuzt von weiteren Kategorien wie Sexualität, sozialem Status, kultureller Herkunft oder Religion. Diese Einteilungen sind historisch gewachsen, geopolitisch und kulturell geprägt, und somit variabel und veränderbar. Gleichzeitig sind diese Kategorien strukturell fest in unseren Wissensarchiven verankert und das Verhältnis zwischen verschiedenen Geschlechterrollen bleibt ein historisch und strukturell asymmetrisches.
Erlauben Sie mir deshalb einen kurzen Blick auf einige Schlaglichter der Geschlechter- geschichte in westlichen Gesellschaften.
Video Highlights vom Donnerstag
Susan Pinkers Auftaktsvortrag wurde heftig kritisiert. Wie steht Susan Pinker zu der Kritik? Zudem erzählt die Organisatorin Petra Grüne was sie sich von den nächsten Tagen erwartet.
Donnerstag, 28. Oktober 2010
Fotostrecke - Auftaktreden



Eröffnungrede von Thomas Krüger, Präsident der bpb
Das größtenteils weibliche Publikum verfolgt die Reden mit Simultanübersetzung

Moderatorin Claudia Neusüß, Technische Universität Berlin

Susan Pinker auf dem Weg zum Podium
Dieses Jahr gibt es auffällig viele junge TeilnehmerInnen

Im Anschluß an ihren kontrovers rezipierten Vortrag stellt sich Susan Pinker der Diskussion.
Fotostrecke - Kongressbeginn


Das ddb forum vor Kongressbeginn



Empfang der TeilnehmerInnen und Akkreditierung

Die Kongressbeiträge werden simultan auf Englisch und Deutsch übersetzt

Es liegen zahlreiche Gratis-Publikationen nicht nur zu Gender-Themen aus


Die Teilnehmer stellen sich aus dem umfangreichen Angebot ihr Programm zusammen.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, trifft letzte Vorbereitungen für seine Eröffnungsrede.
"Freedom of choice"? Auftaktveranstaltung und Keynote des Kongresses
Einen wahren Rundumschlag über aktuelle Felder und Fragestellungen der Genderpolitik lieferte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, in seiner Begrüßungsrede. Vom antiken Griechenland bis heute spannte er seinen Bogen von historischer Unterdrückung der Frauen und anderer Gruppen bis zu den heute herrschenden Missständen. Er betonte, dass die bpb die aktuellen Diskussionen anfeuern möchte, sich bereits intensiv mit den anstehenden Themen beschäftigt und politische Forderungen stellt, so auch mit diesem Kongress. Aktuelle Politik, so sein Statement, blende viele wichtige Forderungen aus. Er schloss seine Rede mit Judith Butler: für sie heiße "queer sein" nicht Identitätspolitik, sondern das Schließen aktiver Bündnisse gegen Sexismus, Rassismus, usw.Anschließend stellte Prof. Claudia Neusüß die kanadische Psychologin Susan Pinker vor, die einen Vortrag über ihre Thesen zu erfolgreichen Männern und erfolglosen Frauen hielt, welcher an ihr 2008 erschienenes Buch "The Sexual Paradox" anknüpfte. Ihren Thesen nach gibt es mit Männern und Frauen zwei biologische Geschlechter, die zwar gleiche Rechte haben sollen, aber von Geburt an grundlegend verschieden sind. Ihre Thesen untermauerte sie mit aktuellen Forschungsergebnissen aus ihrer Hirnforschung.
Ist der Mann die richtige Norm? Dies war eine Frage von Pinker an das Publikum. Männer hätten ein höheres Suizidrisiko, seien von Geburt an schwächer und litten häufiger an Krankheiten als Frauen, so Pinker. Auch gebe es bei Männern mehr extreme Persönlichkeiten als bei Frauen: "No female Mozart, no female Jack the Ripper" zitierte Pinker Camille Paglia, um ihre Thesen zu fehlenden weiblichen extremen Persönlichkeiten zu betonen.
Entsprechend Pinkers umstrittenen Thesen gestaltete sich auch die anschließende, von Frau Neusüß moderierte Diskussion kontrovers. Eine sich auf Pinkers biologistischen Ansatz beziehende Frage war jene nach der Wahlfreiheit ("freedom of choice"). Wenn man, so wie Pinker, mit noch vor der Geburt festgelegten Eigenschaften zweier biologischer Geschlechter argumentiere, bliebe die Wahlfreiheit von Individuen auf der Strecke. Frau Pinker konterte, dass Wahlfreiheit zwar wichtig sei, dass allerdings in Ländern, in denen keine Frauenförderung betrieben werde, die Frauenquoten in klassischen Männerdomänen besonders hoch seien, da den Frauen keine Wahl gelassen werde.
Ein weiterer Kommentar betonte die Gefahr, in eine Falle zu laufen, wenn man so wie Pinker Gleichstellungspolitik durch Biologie zu betreiben versuche, wo doch in der Vergangenheit biologistische Erklärungsansätze eher dazu verwendet wurden, Menschen nach vermeintlichen Kriterien abzuwerten. Pinker betonte im Fortlauf der Diskussion, dass Politik und (biologistische) Wissenschaft nicht getrennt gehalten werden sollten - im Gegenteil.
Ob wir wirklich die Wahl haben, blieb als Frage im Raum zurück. Wir hoffen, dass wir sie im Laufe der Konferenz noch beantworten können.
(Svenja Schröder)
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